<RPG>
#Ort: Néryon
#Zeit: MD9.0800
Staunend standen die Besucher aus dem Weltall vor dem „Zirkel der
Geschichte“. Wie ihr Führer, der sie auch heute wieder begleitete,
ihnen erklärt hatte, wurde das Gebäude der Einfachheit halber
genau so genannt wie die Organisation, die es benutzte.
Das Bauwerk ähnelte grob einer riesigen Meeresschnecke, die sich
kegelförmig in die Höhe wendelte. Die Außenwand war nicht glatt,
sondern mit Reliefs geschmückt, die allerhand Szenen zeigten,
welche den Besuchern von der Hephaistos allesamt nichts sagten.
Das Material glänzte perlmuttartig und verstärkte damit den
Eindruck einer großen Schnecke. Der Eingang, wie sollte es anders
sein, befand sich da wo auch die Schnecke ihre Öffnung hätte und
spannte sich als halbkreisförmiges Portal über die Köpfe.
Verschiedene Ankündigungen, Werbeposter und etwas, das wie ein
Eventplan aussah hingen in den Fenstern.
Tira’Kor, ihr Führer, ließ der kleinen Gruppe ausreichend Zeit,
das Gebäude zu bestaunen, ehe er ihnen bedeutete, einzutreten.
Ettore war nicht bei ihnen, weil er auf eigene Bitte hin noch
einmal die Oper aufsuchen würde. Er hatte angedeutet, dass er
möglicherweise später zu ihnen stoßen würde, aber sie rechneten
nicht ernsthaft damit, dass das schnell geschehen würde. Bis dahin
hatten sie den offiziellen Auftrag, Augen und Ohren gründlich
offenzuhalten und nichts zu übersehen, was von Bedeutung sein
könnte.
Das Innere des Gebäudes war ebenso interessant wie das Äußere.
Überall gab es Bilder, Szenen, Videoinstallationen und interaktive
Stationen. Der Zirkel der Geschichte war eindeutig kein Klub
hinter verschlossenen Türen, sondern nahm seine Aufgabe der
Bewahrung sehr ernst, indem er jedem Interessierten auf spannende
Art so viel wie möglich vermittelte.
Staunend liefen die Besucher durch das Wunderland.
Glücklicherweise setzte der Großteil der Exponate die Kenntnis der
aelarischen Schriftsprache voraus. Sonst wären sie hier wohl
hoffnungslos klebengeblieben und erst nach Wochen wieder
herausgekommen. Doch auch so gab es genug zu sehen. Bald hatten
sie einander aus den Augen verloren, während sie die
Sehenswürdigkeiten des Gebäudes in Augenschein nahmen.
Tira’Kor ließ ihnen großzügig Zeit. Dennoch waren sie noch nicht
einmal über die unterste Ebene hinausgekommen, als er sie nach und
nach wieder einsammelte und daran erinnerte, dass sie hier waren,
um mit jemandem vom Zirkel der Geschichte zu sprechen.
<NRPG: Kim, falls du willst, kannst du Ettore an dieser Stelle
wieder dazuschreiben ;-)>
Nachdem sie über die zentrale Wendeltreppe drei Stockwerke
erklommen hatten, entpuppte sich dieser Jemand als älterer,
beleibter Aelari namens Mauriol. Er hatte Falten um die Augen und
dichte weiße Barten, die ihm etwas weihnachtsmannhaftes verliehen,
zusätzlich unterstützt durch das bequeme, rot-weiße Gewand, das er
trug. Mauriol erwartete er sie in einem kleinen Saal, dessen eine
Wand die Rundung der Schneckenwendel wiedergab. Gemütliche
Polstermöbel standen herum und luden dazu ein, sich gemeinsam
niederzulassen und zu plaudern.
„Herzlich willkommen! Es freut mich außerordentlich, dass Besucher
von so weit her sich für unser Volk und unsere Geschichte
interessieren! Bitte, bitte, nehmen Sie doch Platz. Ich war so
frei und habe eine Kleinigkeit zu essen und trinken
bereitgestellt. Sie waren gestern bei der Uraufführung? Wie hat es
Ihnen gefallen?“
Es war schwer zu übersehen, dass Mauriol gerne viel redete, wobei
er es schaffte, trotzdem sympathisch zu wirken. Seine Stimme war
tief und volltönend. Die Gäste folgten gern seiner Aufforderung
und verteilten sich auf einer Sitzgruppe, woraufhin er sich
ebenfalls niederließ.
Seiner Frage folgend, drehte sich das Gespräch zunächst um die
Aufführung und um die ersten Eindrücke vom Leben in Vael’Korin.
Mauriol wusste einige Anektdoten zu den Gebäuden und Plätzen zu
berichten, welche sie gesehen hatten, und so war im Nu eine halbe
Stunde vergangen. Tira’Kor hingegen hörte nur zu und genoss die
Pause.
„Nun, jetzt haben wir schon viel geredet“, sagte Mauriol
schließlich, „aber ich habe ganz vergessen zu fragen, warum wir
uns überhaupt treffen. Sie haben doch sicher ein Anliegen?“
Die Starfleet-Offiziere wechselten einige schnell Blicke
miteinander. Schließlich wollte Fabi das Wort ergreifen, doch eine
Millisekunde vor ihm entschied Nari, die Führung zu übernehmen.
„Ja, durchaus. Es geht um folgendes… Sicher haben sie schon
gehört, dass wir um Hilfe gebeten wurden, um die Probleme mit den
Habitatkuppeln zu untersuchen. Es gibt ein Technikteam, das sich
gerade jetzt näher mit den Aggregaten befasst. Aber parallel dazu
sammeln wir auch Informationen über die Erbauung und die, nun ja,
Geschichte der Kuppeln, in der Hoffnung, dass da vielleicht etwas
hilfreiches dabei ist. Vielleicht ist es möglich, dass sie uns
etwas darüber erzählen? Vielleicht sind auch ähnliche
Instabilitäten wie jetzt früher schon vorgekommen? Was können Sie
uns darüber sagen?“
„Ah. Ich verstehe“, nickte Mauriol. „Das ist allerdings schon sehr
lange her…“
„Vielleicht haben Sie ja Chroniken, in denen man nachlesen kann?
Pläne von damals?“
Er fuhr sich mit der Hand durch die Barten und blinzelte. „Nein,
ich fürchte da muss ich Sie enttäuschen… Sie haben da
möglicherweise eine falsche Vorstellung, wie Geschichtsschreibung
bei uns passiert. Verstehen Sie, Geschichte ist wie… ein Rad. Es
dreht sich, fort und fort, und dennoch wiederholen sich die
Ereignisse, Tide für Tide… wir sind bemüht, die Muster hinter
der Geschichte zu erkennen und zu lehren, nicht, jedes einzelne
Ereignis genau aufzuzeichnen…“
Nari nickte, davon hatte sie im Missionsdossier schon gelesen.
„Aber der Bau der ersten Kuppeln war doch ein einmaliges Ereignis
– so etwas hat es doch nie zuvor gegeben? Als damals der
Meeresspiegel auf ihrem Planeten anstieg…“
„Ja, allerdings, das ist schon richtig“, fiel Mauriol ihr ins Wort
und beschwichtigte mit den Händen. Er schien etwas unangenehm
berührt zu sein, oder vielleicht wirkte das auch nur so, die
Körpersprache der Aelari war teilweise schwer zu lesen für die
Besucher von der Hephaistos. Nach einem Moment hatte der Aelari
sich wieder beruhigt. Nach kurzer Überlegung erklärte er.
„Das Land-das-war… das versunkene Land, der Große Umzug.. sind
schwierige Themen für uns. Auch wenn es unzählige Tiden her ist…
denken viele ungern darüber nach. Es gibt wenige Aufzeichnungen
aus dieser Zeit. Von dem wenigen, was überliefert wurde, ist
vieles nachträglich aufgeschrieben, so dass schwer zu sagen ist,
was Wahrheit, und was Erfindung oder Erinnerung ist… Auch gibt
es nur wenige von uns, die sich gern mit diesem Teil der Archive
befassen. Selbst nach all den Jahrtausenden ist es für uns schwer
zu akzeptieren, was damals geschah. Um den Schmerz zu lindern,
oder auch überhaupt erst auszudrücken, hat man Lieder geschrieben,
Fabeln und Legenden, …“
Er hielt kurz inne, und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht.
„Wenn Sie es auf Daten und Fakten aus dieser Zeit abgesehen haben,
dann fürchte ich, werden Sie hier eher enttäuscht werden. Aber …
wenn Sie etwas Zeit haben, dann erlauben Sie mir doch, Ihnen eine
unserer Legenden zu erzählen. Vielleicht verstehen Sie dann
besser.“
Die Starfleet-Gäste sahen einander an. Fabi zuckte mit den
Schultern und nickte; Ana verleierte die Augen und wirkte
gelangweilt. Ortrichks Katzengesicht war nicht zu durchschauen.
Schließlich entschied Nari für sie alle, indem sie sagte: „Bitte,
wir würden gerne hören, was Sie uns erzählen können.“
Mauriol nickte zustimmend. „So möge es sein.“
Zunächst jedoch goß er sich sein Glas noch einmal voll, und rückte
die Sofakissen zurecht, bis er wirklich bequem saß. Dann sah er in
die Gesichter der Gäste – auch Tira’Kor sah ihn erwartungsvoll an
– nickte und räusperte sich.
„Nun gut. Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde, ist
bekannt als ‚Die Legende von den zwei Schwestern‘.“
# Ort: Aelari-Stadt, auf einer Insel.
# Zeit: Vor vielen, vielen Tiden
„Es war einmal, vor vielen vielen Tiden, da lebten zwei Schwestern
in einer kleinen Stadt. Der Name dieser Stadt ist schon lange
vergessen, und ist für unsere Geschichte auch nicht weiter
wichtig.
Unsere Stadt lag auf einer Insel, die einsam in den Weiten des
Ozeans lag. Die Insel war nämlich der letzte Rest des
Landes-das-war. Einst lag die Stadt an der Flanke eines Hügels,
und man konnte von den Türmen und Balkonen aus weit über grüne
Felder, Wälder und Hügel schauen. Doch jedes Jahr sahen die
Bewohner zu, wie das Wasser näher kam, die Wiesen und Wälder nach
und nach verschluckte und zum weltumspannenden Allesmeer wurde,
das wir heute kennen.
In dieser Zeit kamen in der Stadt zwei Schwestern zur Welt.
Äußerlich glichen sie einander fast bis aufs Haar, schon als sie
geboren worden, und blieben es, als sie älter wurden. Aber obwohl
sie einander sehr ähnlich sahen, hätten sie unterschiedlicher
nicht sein können. Die eine liebte es, gemütlich daheim zu sitzen
und zu träumen oder zu lesen – die andere zog lieber durchs Land
und durchs Meer, um alles zu entdecken. Die eine liebte den Himmel
und die Sonne – die andere liebte das geheimnisvolle Dämmerlicht
des Meeresgrundes. Die eine war in sich gekehrt und sprach wenig
darüber, was sie fühlte – die andere trug ihr Herz auf der Zunge.
Darum nannte man die zwei Schwestern Veloa und Veloa’apua. In
eurer Sprache kann man es vielleicht mit ‚Katze und Katzenhai‘
übersetzen.
Als die beiden heranwuchsen, zeigten sich die Unterschiede immer
deutlicher. Veloa war wissbegierig und verbrachte ihre Zeit am
liebsten in den Bibliotheken und Archiven. Bald sagte man in der
Stadt, dass es keine Frage gäbe, die sie nicht beantworten könne.
Das war sicher übertrieben, aber trotzdem kamen viele, um ihren
Rat zu suchen – sei es wegen einer Krankheit, wegen ihres
Gemüseanbaus oder auch um einen Nachbarschaftsstreit zu
entscheiden – Veloa wusste zu allem etwas zu sagen. Alle schätzten
ihre Worte, und wäre sie nicht noch jung gewesen, hätte man sie
sicher bald die Weise Veloa genannt.
Veloa’apua hingegen war selten an einem Ort zu finden. Sie schlug
ihr Lager jeden Tag woanders auf, war mal hier, mal da zu finden
und manchmal auch für einige Tage oder auch Wochen ganz
verschwunden. Sie kannte die Insel und das Meer wie ihre
Westentasche. Von ihren Ausflügen brachte sie stets interessante
Dinge oder Erzählungen mit. Selten einmal verbrachte sie einige
Tage zu Hause, aber dennoch liebten sich die zwei Schwestern
inniglich. Auf diese Weise verging die Zeit, während jede der
beiden das Leben führte, das ihr gefiel.
Eines Tages wollte Veloa’apua wieder einmal ihren
Lieblings-Lagerplatz auf den Felsen am Strand aufsuchen. Sie war
lange Zeit nicht mehr dort gewesen, denn wie gesagt liebte sie das
tiefe Meer, und war dieser Tage viel unter Wasser unterwegs
gewesen. Als sie nun sich der Küste näherte, bemerkte sie aber,
dass von ihrem Lagerplatz keine Spur mehr zu finden war. Ja, die
Felsen selbst waren verschwunden, vom Wasser bedeckt. Beunruhigt
umrundete Veloa’apua die Insel, folgte den Küstenpfaden, die sie
wie ihre Westentasche kannte. Überall fand sie das gleiche –
Bäume, die aus dem Wasser ragten; Hügel, die zu Inseln geworden
waren; Pfade, die nur noch ins Meer führten. Es gab keinen
Zweifel. Das Meer hatte ein weiteres Mal begonnen anzusteigen, und
machte sich daran, den letzten Überrest des Landes-das-war zu
vertilgen.
Traurig machte sich Veloa’apua auf den Heimweg in die Stadt. Sie
wusste, was ihre Entdeckung bedeutete. Ihre Heimat, ihre geliebte
Insel würde verschwinden, und sie würden ihr Leben fortan in der
Kuppel führen, die vor der Küste schon auf sie wartete. Denn die
Aelari wussten natürlich schon lange, dass das Wasser kommen
würde. Schon, als vom Meer noch nicht einmal der salzige Wind zu
spüren gewesen war, hatte man angefangen die Kuppeln zu errichten.
Seitdem wuchs sie Jahr für Jahr in die Höhe und überragte längst
die Dächer der Stadt. Veloa’apua liebte zwar die Tiefen des Meeres
und hatte die Kuppel schon viele Male besucht, aber dennoch war es
ihr bisher nie in den Sinn gekommen, ihre Heimatstadt zu verlassen
und gegen ein Leben im Inneren einzutauschen.
Als sie zuhause eintraf, freute Veloa sich wie immer, ihre
Schwester wiederzusehen. ‚Schön, dass du wieder da bist‘, begrüßte
sie sie. ‚Wirst du einige Zeit bleiben? Diese Woche feiern wir das
Sommerfest in der Stadt!‘
Ihr müsst wissen, dass damals verschiedenes Wetter herrschte – mal
war es für einige Monate kalt, dann wieder eine Zeitlang warm. Die
Zeit, in der es warm war, nannte man Sommer, und den Höhepunkt des
Sommers nahm man gern als Anlass zum Feiern.
Veloa’apua schaute ihre Schwester traurig an. ‚Ich kann einige
Zeit bleiben‘, sagte sie, ‚aber dann müssen wir alle hier
fortgehen. Das Meer steigt wieder und wird die ganze Insel, auf
der die Stadt steht, verschlingen.‘
‚Oh nein‘, entgegnete Veloa traurig. ‚Aber ich kann die Stadt noch
nicht verlassen. All meine Aufzeichnungen und Geräte sind hier im
Haus. Wie soll ich sie mitnehmen?‘
Veloa las nämlich nicht mehr nur Bücher, nein, sie schrieb
inzwischen selbst welche, über all die Dinge, die sie erforschte.
Ihre Geschichten befassten sich mit Himmel, den Sternen und den
Jahreszeiten, mit dem Land-das-war und wie die Leute dort lebten
und dem Großen Umzug – kurz, mit allem, was bald vergehen würde.
‚Lass mir noch etwas Zeit‘, bat sie. ‚Ich muss noch aufschreiben,
was ich über den Himmel und die Sterne weiß. Hilf lieber den
anderen in der Stadt, sich auf den Großen Umzug vorzubereiten.‘
Veloa’apua war einverstanden und ging, um allen anderen in der
Stadt vom Nahen des Wassers zu berichten. Bald bat der erste sie
um Hilfe, dann der zweite, und ehe sie sich’s versah, war sie von
früh bis spät mit dem Umzug beschäftigt – so wie alle in der
Stadt, außer ihrer Schwester.
Wie ihr euch vorstellen könnt, gab es mehr als genug zu tun. So
kam es, dass eine lange Zeit verging, in der alle von früh bis
spät nur an den Umzug dachten. Haustüren wurden zum letzten Mal
geschlossen, Gebäude dem Verfall überlassen, wärend eine Familie
ums andere den Weg in die Kuppeln antrat. Unermüdlich half
Veloa’apua mit. Jahr und Tag war vergangen, ehe sie schließlich
dazu kam, wieder einmal nach ihrer Schwester zu sehen.
‚Das Meer steigt unermüdlich‘, berichtete sie. ‚Das Wasser steht
bereits bis zum Rathaus. Pack zusammen, was du mitnehmen kannst,
und komm mit mir in die Kuppel.‘
‚Ich brauche mehr Zeit‘, sagte Veloa, so wie schon beim ersten
Mal. ‚Mein Großes Werk ist noch nicht fertig. Ich muss noch
aufschreiben, was ich über Sommer und Winter weiß. Das Meer ist
doch noch weit von hier entfernt. Hilf lieber den anderen in der
Stadt.‘
So sehr Veloa’apua ihr auch zuredete, sie konnte ihre Schwester
nicht überzeugen, ihre Siebensachen zu packen. Schließlich nahm
sie sich vor, dass sie selber den Umzug vorbereiten würde, um ihr
zu helfen. Doch erneut brauchten Nachbarn und Freunde ihre Hilfe,
und darüber vergaß sie ihr Vorhaben wieder. Wieder sollten Jahr
und Tag vergehen, ehe sie erneut mit ihrer Schwester sprach.
‚Das Meer ist weiter gestiegen‘, sagte sie. ‚Das Wasser steht nur
noch drei Häuser entfernt. Du musst packen und mit mir kommen.‘
‚Fast, ich bin fast fertig‘, sagte Veloa. ‚Ich muss noch
aufschreiben, was ich über das Land-das-war weiß. Bevor das Wasser
hier ist, werde ich in die Kuppeln ziehen. Hilf lieber den anderen
in der Stadt.‘
‚In der Stadt ist keiner mehr‘, fauchte Veloa’apua. Sie war
zornig, weil ihre Schwester den Ernst der Lage nicht erkannte.
‚Sie sind in der Kuppel und bauen dort neue Häuser und Wege. Nur
du bist noch hier!‘
‚Gib mir nur noch etwas Zeit‘, bettelte Veloa. ‚Ich komme in die
Kuppel, wenn mein Großes Werk fertig ist.‘
Veloa’apua war nicht einverstanden. Sie flehte, sie schrie ihre
Schwester an, sie tobte durch das Haus, doch nichts davon konnte
Veloa umstimmen. Schließlich stampfte sie wütend von dannen und
ging in die Kuppel. Veloa war traurig, weil sie ihre Schwester
enttäuscht hatte, aber sie kannte keine wichtigere Aufgabe als ihr
Großes Werk. Bald war sie wieder in die Arbeit daran vertieft.
Veloa’apua bereute ihren Zorn bald. Sie hatte eingesehen, dass
alles Drängen nichts helfen würde, um ihre Schwester zum Umzug zu
bewegen. Statt dessen nahm sie sich vor, für Veloa den
bestmöglichen Empfang in der Kuppel vorzubereiten. Darum besorgte
sie sich die besten Handwerker und Künstler, und ließ sie ein Haus
bauen, das ihrem alten Haus in der Stadt glich, ja sogar schöner
war als dieses. Die Farben strahlender, die Wände schöner
geschmückt, die Einrichtung edler. Nur … Veloa kam nicht. Woche
um Woche wartete sie auf ihre Schwester. Jeden Morgen erwachte sie
mit der Hoffnung, dass sie sich heute wiedersehen würden, und
jeden Abend ging sie enttäuscht zu Bett.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Obwohl sie wusste, dass
die Schwester nicht mitkommen würde, wollte sie sie sehen und um
Verzeihung bitten. Sie ging nach draußen und machte sich auf den
Weg zur Stadt. Doch noch bevor sie dort ankam, sah sie ihre
schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Das Meer war weiter
gestiegen, schneller als jemals zuvor. Die ganze Stadt, die ganze
Insel lag nun unter Wasser, bis auf den höchsten Gipfel des
Berges, der noch aus den Wellen ragte. Verschwunden waren die
Wiesen und Wälder, verschwunden der Wind des Tages und die Kühle
der Nacht. Von all diesen Dingen würden nur noch Geschichten
künden. In diesem Augenblick begriff Veloa’apua, warum Veloa ihr
Großes Werk vollenden musste, warum ihr das wichtiger als alles
andere gewesen war.
Voller Sorge eilte sie sich, das Haus zu finden. Der Weg war
beschwerlich, aber endlich erreichte sie es. Auch dieses war
natürlich versunken. Fische, Quallen und andere Meereswesen
schwammen durch die Fenster und Türen ein und aus. In den Zimmern,
in denen sie als Kinder gespielt hatten, wuchsen bereits Seegras
und Korallen. Veloa’apua begab sich hinein, durchsuchte es vom
Dachboden bis in den Keller. Von ihrer Schwester war keine Spur zu
finden. Wo konnte sie nur hingegangen sein?
Veloa’apua suchte noch einmal alle Räume ab, blickte in alle
Schränke, durchsuchte jeden Winkel. Keine Spur. Sie suchte im
Garten, sie suchte in den verlassenen Häusern der Nachbarn. Auch
dort war die Schwester nicht zu finden. Sie war verschwunden, als
hätte es sie niemals gegeben.
Schließlich ging sie zurück in die Kuppel und bat die Bewohner um
Hilfe. All jene, denen sie beim Großen Umzug geholfen hatte,
halfen nun ihr. Auch sie wollten Veloa finden, die ihnen so oft
mit ihrer Klugheit und ihrem Rat geholfen hatte. Sie durchkämmten
die Häuser und Gärten; sie suchten auf den Straßen und Plätzen,
sie durchsuchten die ganze Umgebung. Aber es war sinnlos. Wie
lange sie auch suchten, sie fanden Veloa nicht. Einer nach dem
anderen gab auf und ging zurück zu seiner Familie.
Schließlich war allein Veloa’apua übrig. Sie wollte die Suche
nicht aufgeben, solange sie nicht wusste, was aus ihrer Schwester
und ihrem Großen Werk geworden war. Nur selten sah man sie noch in
der Kuppel, denn sie verbrachte nun ihre ganze Zeit im Meer, wo
sie weiterhin nach ihrer verlorenen Schwester suchte. Sie suchte
alle Orte auf, die sie jemals erkundet hatte; suchte von der
lichtlosen Tiefe bis zum letzten einsamen Felsen auf den Wellen,
der vom Land-das-war geblieben war. Das neue Haus stand leer und
träumte von seinen Bewohnerinnen. Aber die Zeit verging und Veloa
war nirgends zu finden. Eines Tages schließlich brach Veloa’apua
auf und kehrte nie mehr zurück.
Veloa und ihr Großes Werk aber blieben verschwunden wie der Himmel
und die Sterne und der Sommer und der Winter. Was aus ihnen
geworden ist, hat man nie erfahren.“
</RPG>
<SUM>
#Ort: Néryon
#Zeit: MD9.0800
#Ball: Sunny, Meowie, Kim, Freiball
– Das Kulturteam besucht den Zirkel der Geschichte. Sie treffen
auf Mauriol, der ihnen die Legende von den zwei Schwestern
erzählt.
</SUM>
**submitted by
Johannes aka Lt. Fabièn LaGroille, FLG