Zeit: MD 98.0507
Ort: Gänge, Deck 2
Mit zerzausten Haaren wanderte Samantha durch die langen Gänge der Hephaistos. Ihr Nachthemd flatterte um ihre Beine, während sie verloren durch die metallenen Korridore irrte. Die fluoreszierenden Lichter warfen ein kühles Glühen auf ihre müden Augen, und der kühle Boden unter ihren nackten Füßen ließ sie frösteln. Sie spürte ein unbestimmtes Verlangen, eine Sehnsucht, die sie nur schwer benennen konnte. Ihr kleiner Begleiter huschte um ihre Füße herum und machte schnatternde Geräusche, auf die sie jedoch nicht achtete. Auch Permin war aufgeregt nach dem Alptraum, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Der gestrige Morgen steckte ihr ebenso in den Knochen, wie die davor liegende Nacht. Das Drama um die Überauslastung des Bordcomputers hatte sich bis in die Nacht hinein gezogen. Die Lieutenants Sato und Taina hatten irgendwann zurückgemeldet, dass ein „lebendiges“ Hologramm an Bord war und erst mal im Quartier der CM untergebracht worden war und anschließend auf einen Bericht für den kommenden Tag vertröstet.
Dieser Zustand hatte bei Samantha Kopfschmerzen hinterlassen. Ein lebendes Hologramm im Quartier der CM? Sie hatte mit der Entscheidung gehadert, den Befehl zu geben, das Programm einfach abschalten zu lassen. Die Bürgermeisterin in ihr rief genau danach. Es war ein mögliches und gewaltiges Sicherheitsproblem. Doch hätte sie der Stimme der Bürgermeisterin wirklich vertrauen sollen? Diese Stimme in ihr, die die Macht an Bord genauso an sich reißen wollte, wie über Reedale und Arcadia? Also hatte sie sich bewusst gegen ihre eine innere Stimme entschieden. Als Sicherheitsmaßnahme hatte sie schlussendlich nur eine Sicherheitssperre um das Quartier der CM errichten lassen. Samantha hatte anschließend ein Memo für die Wissenschaft dagelassen. T’Vala hatte entsprechend den Auftrag am Morgen sich des Themas anzunehmen um herauszufinden, wie das geschehen konnte. Auch Jenn hatte von Sam eine entsprechende Aufforderung erhalten. Sie war gespannt gewesen, was die Untersuchungen der beiden ergeben würden. Dem Rest hatte sie einfach Shay überlassen, sollte er sich drum kümmern, schließlich war es sein Schiff.
Die Tatsache, dass Ajur – als TAK – ebenfalls nicht begeistert über diese ‚Bedrohungslage‘ gewesen und vehement die Abschaltung und Löschung des Programms gefordert hatte, hatte es nicht einfacher gemacht. Der Klingone war ruhig geblieben und hatte die höhere Autorität des Ranges akzeptiert und sie nicht herausgefordert – für einen Moment hatte sie die Befürchtung, sie würde sich gleich mit ihm in einer Bathleth-Arena wiederfinden – aber es war ihm deutlich anzusehen gewesen, wie wenig Verständnis er in dieser Situation für das Gebahren seiner Mitoffiziere hatte.
Als Sam schlussendlich am Morgen rechtschaffen erschöpft ihr Quartier erreicht hatte, blinkten ihr Botschaften um Botschaften entgegen. Als die Nachricht „Wenn das Böse in dir erwacht, sag ihm Guten Morgen“ fröhlich pink blinkend ihr entgegenschrieh, war sie schlussendlich auf dem Absatz umgedreht und in ihr Büro geflüchtet und alle Benachrichtigungsdienste auf stumm geschaltet. So genau wusste sie nicht, womit sie anschließend den restlichen Tag verbracht hatte. Reparaturmeldungen, Dienstpläne und ähnliches waren es wohl gewesen, Routinekram, den sie im Halbschlaf konnte. Ein kurzer Mittagsschlaf hatte auch dazu gehört. Bevor Sam am Abend wieder in ihr Quartier ging, hatte sie auch alle Kommunikationswege dahin erfolgreich gekappt und es für eine Nacht isoliert. Es war ihr egal gewesen, ob jemand sie möglicherweise zu erreichen wünschte. Sie wollte einfach nur in Ruhe schlafen. Aber selbst das war ihr nicht vergönnt gewesen.
Ihr letzter Traum stand ihr noch zu deutlich vor Augen. In diesem hatte Samantha es erfolgreich geschafft, Shay von Bord zu werfen. Claudia hatte ihr dazu gratuliert, nachdem sie sie vorher mit Munition aus Shay Ruthvens Kindheit versorgt hatte. Der Traum war derart detailliert und erschreckend gewesen, dass Samantha schweißgebadet aufgewacht war. Permin neben ihr hatte erbärmlich gefiept und sich an sie gedrückt.
So konnte es nicht weitergehen und nun stand sie hier, frühmorgens, vor Shays Quartier und war sich unschlüssig, ob sie ihn wirklich stören sollte. Als sie jedoch Schritte in der Ferne hörte, wurde ihr diese Entscheidung schlussendlich abgenommen, als sie bemerkte, in welcher leichten Bekleidung sie durch das Schiff lief. Und auch wenn es lange bange Minuten dauerte, ehe nach ihrem Klingeln die Tür sich öffnete, huschte sie in das Quartier, bevor die Schritte vollends heranwaren.
*** etwas später ***
Elli hatte Samantha mit einem Bademantel und Kaffee auf dem Sofa drapiert und war anschließend Shay wecken gegangen. Langsam und allmählich bereiteten ihr die insbesondere nächtlichen Frauengeschichten ihres Mannes doch etwas Kopfschmerzen.
Fünf Minuten später stand Shay mit strubbeligen Haaren, aber überwiegend bekleidet vor dem Sofa und musterte besorgt seine erste Offizierin, welche trübsinnig in ihren Kaffee starrte. Bereits in den letzten Tagen hatte ihm nicht gefallen, was er gesehen hatte. Blässe, Augenringe und gelegentlich zitternde Hände waren noch am auffälligsten. Er konnte sich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass sie abgenommen hatte. Doch das konnte täuschen, da sich Erfahrungen und Bilder aus Arcadia und hier an Bord immer wieder überlagerten. Da sie fürs erste nicht dazu ansetzte, ihn überhaupt anzusehen oder gar zu sprechen, ging Shay zuerst zum Replikator und holte zwei Tassen Kaffee. Eine davon setzte er vor Samantha ab und ließ sich anschließend immer noch schweigend neben ihr auf das Sofa fallen.
„Ich muss mit dir reden.“ flüsterte nach sehr langem Schweigen schließlich Samantha und griff nach der zweiten Tasse.
Shay nickte und räusperte sich. „Aye, ich vermute du bist hier als meine Freundin und nicht als meine EO?“ versuchte er ihr eine Brücke zu bauen. Auch deshalb hatte er sich bewusst neben sie gesetzt und nicht ihr gegenüber. Ihm wurde bewusst, dass er schon viel eher hätte mit ihr reden sollen. Es war ja nicht so, als hätte er nicht bemerkt, dass sie etwas beschäftigte. Dafür waren sie schon viel zu lang Freunde.
Shays Blick fiel auf Permin, welcher sich an Samantha gekuschelt hatte, aber nun erwartungsvoll den Kopf hob und sie schließlich anstubbste.
„ich bin mir nicht sicher.“ Samantha seufzte. War sie wirklich Shays Freundin? Würde sie sich dann vorstellen, oder träumen, wie sie ihn fertig machte um aus seinem Unglück Profit zu ziehen? „Heut Nacht habe ich geträumt, dass ich dafür gesorgt habe, dass dir dein Kommando entzogen wird. Ich habe die Hephaistos bekommen und du musstest deinen Dienst quittieren.“
„Klingt nach einem Alptraum.“ Shay schmunzelte „mehr für dich als für mich würde ich sagen.“ Samantha hob den Kopf und blicke Shay stirnrunzelnd an.
„Das ist kein Spaß Shay Ruthven. Wenn ich schlafe, wenn ich wach bin, stell ich mir vor, wie es wäre und was ich tun kann, damit das hier mein Schiff wird, weil ich dann denke, dass ich das viel besser kann als du.“
„Und kannst du es besser als ich?“ Shay lehnte sich zurück und wartete gespannt auf die Antwort von Sam. Er kannte Sam nun schon so lang und wusste sehr genau, wie wenig sie daran interessiert war, Macht zu haben. Sie übernahm Verantwortung, wenn sie die Notwendigkeit sah. Und das machte sie in seinen Augen zu einer guten Offizierin. Sie drückte sich nicht, wenn es sein musste, aber strebte nicht nach oben um des Posten Willens.
„Ich… Nein!“ rief Samantha auch wie erwartet aus. „Das ist ja das Problem. Ich will das nicht, aber trotzdem denke ich immer daran und kann nicht aufhören. Ich bin nicht mehr die Sam, die du kennst!“ Und wie nach einem Dammbruch begann Samantha von ihrer Zeit in Reedale zu erzählen, wie geschickt es die Bürgermeisterin – sie selbst! – eingefädelt hatte, dass der Pastor alle aufwiegelte. Die Vorbereitungen des Angriffs des 7. Solaris ebenso wie ihre Pläne Prinzessin Emily zu heiraten und anschließend verschwinden zu lassen. All diese Pläne und Taten erzählte sie und hatte Angst davor zu sehen, wie Shay sie anschließend mit Verachtung und Abscheu ansehen würde. Er war der erste, dem sie alles erzählte.
„Was ich damit sagen will. Du darfst mir nicht vertrauen, Shay Ruthven, du musst immer damit rechnen, dass ich dir hinterrücks ein Messer in den Rücken ramme und…“
Weiter kam Samantha nicht, weil ihr Gegenüber anfing zu lachen. „Versuch es ruhig mal. Vorher sollten wir aber etwas trainieren. Ich glaube nicht, dass es dir ohne Übung gelingen wird.“
Konsterniert blickte Samantha Shay an. Auch wenn sie nicht die erwartete Abscheu sah, war sie verwirrt und… wütend. Er glaubte ihr nicht! Schnell wurde Shay wieder ernst, als er ihren vernichtenden Blick sah. „Ganz ehrlich, ich vertraue dir und ich weiß, dass du zu allem möglichen fähig bist. Aber schon allein, dass du mir davon erzählst zeigt doch, dass du eben nicht die Bürgermeisterin bist.
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Zeit: MD 98.0507
Ort: Gänge, Deck 2
Samantha läuft nach einer schrecklichen Nacht, einem schlechten davor liegendem Tag und einer noch schlimmeren Nacht durch das Schiff und legt vor Shay eine Beichte ab.
Davor rekapituliert sie ihre Entscheidungen hinsichtlich des Hologramms Nenii
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